Das Onlinemagazin für Architektur.
Glauben | Capilla San Bernardo

Schatten auf dem Kreuzweg

In der Capilla San Bernardo begeben sich zwei Schatten auf den Kreuzweg.

by Jan Zimmermann

Das Kruzifix ist in der christlichen Kirche nicht nur ein Symbol für den Leidensweg Christi und dessen Auferstehung bzw. das damit verbundene Heilsversprechen von der Vergebung der Sünden und dem ewigen Leben. Es ist auch ein Symbol für den Bund zwischen Mensch und Gott, der einst durch Sünde gebrochen und durch den Opfertod Jesu Christi wiederhergestellt wurde. Dabei stellt die waagrechte Achse des Kreuzes das Irdische, die senkrechte das Göttliche dar. Die gleiche Symbolik findet sich auch im Kreuzweg wieder, wo Jesus den Querbalken des Kreuzes hinauf zum Pfahl trägt und beide sich zum Kreuz vereinigen. Der Architekt Nicolás Campodonico hat kürzlich eine kleine Kapelle geschaffen, in der dieser Weg zauberhaft inszeniert jeden Tag aufs Neue stattfindet.

Recyclingprodukt

Die Capilla San Bernardo befindet sich in einem Hain in der (nicht sprichwörtlichen) Pampa im Osten der argentinischen Provinz Cordoba. Das Grundstück wurde ursprünglich von einem Landhaus und dessen Höfen eingenommen, welche abgerissen schließlich auch das Material für die Kapelle stellten. Hierbei handelt es sich hauptsächlich um hundert Jahre alte Ziegel, die nicht nur die Wände des Gebäudes, sondern auch die es umgebenden Mauern bilden und einen davor gelegenen Hof pflastern.

Sakrales Trapez

Der Grundriss des kleinen Sakralbaus ist ein symmetrisches Trapez. Ein offener Gang am unteren Ende des südlichen Schenkels führt zunächst bereits tief ins Gebäudeinnere, wo dann erst, etwa auf Höhe der Mitte der Grundseite, die eigentliche Eingangstür wartet. Dahinter geht es noch einmal um die Ecke, bis man sich im eigentlichen Sakralraum befindet und der wahre „Zauber“ beginnt.

Werbung

„Zauber“ aus Licht und Schatten

Der „Zauber“ ist eigentlich ein ganz einfacher Trick, zugleich aber auch ein Geniestreich von Campodonico. Das asymmetrische Satteldach fällt auf der Westseite steil ab und öffnet sich größtenteils in Form eines bogenförmigen Oberlichts. Dieses riesige Fenster über der breiten Grundseite des Trapezes versorgt die Kapelle tagsüber mit reichlich Licht. In der Mitte der Öffnung befindet sich ein senkrechter Pfahl, vor dem ein waagrechter Balken von der Decke herabhängt. Beide werfen, von der Sonne angestrahlt, zwei Schatten an die gegenüberliegende runde Wand im Innern, die sich immer mehr einander annähern, bis sich am Ende des Tages ein einziger Schatten in Form eines Kreuzes vervollständigt.

Und Gott so: „Hab dich!“

Wie so oft liegt auch die Schönheit der Capilla San Bernardo in ihrer Einfachheit und Natürlichkeit. Letztere darf man durchaus wörtlich verstehen, denn etwas wie elektrischen Strom gibt es hier nicht. Jede Bewegung von Licht und Schatten hängt einzig von der Natur ab. Besonders schön mit Blick auf die religiöse Symbolik ist übrigens, dass letztendlich das Göttliche, in Form des senkrechten Schattens, das vorwegeilende Irdische am Ende zur Wiederherstellung des Bundes einholt, und nicht umgekehrt.

Projektdetails
Architekt: Nicolás Campodonico  
Status: Fertigstellung: 2015
Zahlen:

Grunstücksfläche: 10.000 m²
Gebäudegrundfläche: 92 m²

Ort: La Playosa
Land: Argentinien