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Lernen | Fangsuo Bookstore in Chengdu

Im Büchertempel

Der Fangsuo Bookstore in Chengdu ist weit mehr als ein einfacher Buchladen.

by Jan Zimmermann

Die Rolltreppe führt durch einen glockenförmigen Tunnel aus Kupfer und Eisen hinab in die Tiefen einer Buchhandlung der etwas anderen Art. Die Bücher sind vorhanden und weisen diesen Ort als das aus, was er ist. Die Architektur tut nichts dergleichen. Neun Meter hohe monumentale Säulen aus Beton kreieren die Dramatik eines heiligen Ortes – auch wenn dieser aufgrund der entblößten Rohre und Lüftungsschächte unter der Decke eindeutig ein moderner sein muss. Neben diesem sakralen Flair umweht den untergründigen Fangsuo Bookstore in Chengdu allerdings durchaus auch ein Hauch von U-Bahn-Station, als hielten die Bücherregale nur einen Moment auf der Durchreise.

Das versammelte Wissen der Welt

Dieser industrielle Sakralbau von einem Bücherladen entstammt der Feder des Taiwanesischen Designbüros Chu Chih-Kang Space Design. Die ideelle Grundlage für den eigenwilligen Bau in der Hautstadt der chinesischen Provinz Sichuan sind zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen. Die erste ist die, dass der Buchladen tatsächlich an buddhistische Tempel erinnern sollte oder besser an die mit antiken Tempeln verbundenen Schriftrollenbüchereien. Besucher sollen das Gefühl haben, dass sich das versammelte Wissen der Erde in diesem Büchertempel befindet. Die Übermittler dieser Botschaft sind dabei eindeutig die 37 neun Meter hohen, kantigen Betonsäulen. Doch auch der Eingangstunnel wirkt von außen mit einem feuerartigen Relief wie einer jener Kunstschätze, die sich auch gerne Mal in Tempeln anhäufen.

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Sich wie zu Hause fühlen

Üblicherweise nicht in Tempeln anzutreffen sind die Galerien, die zu den höher gelegenen Büchern führen – eine hohe Decke bietet sich schließlich auch für hohe Regale an. Die zweite Grundidee der Buchhandlung ist allerdings nicht die praktikable Unterbringung möglichst vieler Bücher, sondern dass der Buchladen dem Lebensstil der Leute von Sichuan entgegenkommen soll. Diese sollen allem Anschein nach sehr entspannte Zeitgenossen mit einem ausgeprägten Sinn für Geselligkeit sein. Und sie sind wohl dafür bekannt, sich, wo immer sie hinkommen, sofort ihr „Nest zu bauen“. Aus diesem Grund bietet der Fangsuo Bookstore viele Bereiche, in denen man in Ruhe sitzen, es sich schön heimelig machen und in Ruhe sein Buch lesen kann.

Fazit: Konsequent und preisverdächtig

Wer studiert hat, kennt wahrscheinlich die mit einem Tempel vergleichbare andächtige Stimmung noch von einem anderen Ort, der auch mit Büchern zu tun hat – der Bibliothek. Diese Andacht dann einfach mal ganz offenkundig ins religiöse Licht zu rücken, erscheint da eigentlich nur konsequent. Alles in allem geht für mich die Vorstellung eines Tempels für Bücher sowieso ziemlich in Ordnung. Von allem Konzeptionellen einmal abgesehen, halte ich die Umsetzung der Buchhandlung auch für äußerst gelungen. Diese Einschätzung teilte auch so manche Architekturpreis-Jury. So gewann der Fangsuo Bookstore etwa bei den Iconic Awards 2015 den „Best of Best“-Award und verdiente sich beim German Design Award 2015 immerhin eine besondere Erwähnung.

Projektdetails
Architekt: Chu Chih-Kang Space Design  
Status: Fertigstellung: 2015
Zahlen:

Fläche: 5.508 m²

Ort: Chengdu
Land: China