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Lernen | Hangzhou Zhongshuge

Bücher im Spiegel

Im Zhongshuge Book Store in Hangzhou gibt es alles doppelt!

by Jan Zimmermann

Die Welt ist voller wundersamer und wundervoller Dinge, die man häufig nur als echter Insider verstehen und so richtig genießen kann. Da wünscht man sich manchmal als Außenstehender, der fremden Kultur anzugehören, deren Gut jenes kleine oder große Wunder ist, oder zumindest deren Sprache zu beherrschen. Derzeit wäre ich gerne Chinese oder wenigstens der chinesischen Sprache mächtig, denn seit Kurzem gibt es in Hangzhou einen neuen Zhongshuge Book Store, bei dem jedem Bücherliebhaber die Augen übergehen müssen. Wenn der Bücherliebhaber doch nur Chinesisch (lesen) könnte! Ich für meinen Teil weiß zugegebenermaßen nicht einmal, wie man „Zhongshuge“ richtig ausspricht. Staunen über den von X+Living entworfenen Buchladen kann ich allerdings immerhin, auch ohne ein einziges geschriebenes Wort in dessen Waren zu verstehen.

Zauberhafter Nichtzauber

Das Besondere an dem Buchladen? Nun, man denke – sofern man es kennt – an das Geschäft „Flourish & Blotts“ aus den Harry-Potter-Büchern und frage sich, wie sich wohl ein Laden mit ähnlicher Wirkung ohne den Einsatz von Magie verwirklichen ließe. Zhongshuges Filiale in Hangzhou stellt womöglich eine der größtmöglichen Annäherungen dar, welche die Muggel-Welt (die der Nichtzauberer, für alle Harry-Potter-Unbelesenen) zu bieten hat – einen zauberhaften Nichtzauber, sozusagen.

Bücherwald und Lesekorridor

Den Auftakt bildet ein „Wald aus Licht“, das heißt, mit säulenartigen, schlanken Regalen in einem Raum aus Weiß, aus denen verheißungsvoll das „Licht der Erkenntnis“ erstrahlt. Eine gewisse sterile Klarheit – „Techno-Besonnenheit“ möchte man fast sagen – verleiht diesem Bereich eine eher science-fiction-artige Atmosphäre. Im weiteren Verlauf wird der Buchladen stiller, klassischer und sehr viel weniger technisch anmutend. Man betritt einen langen, in erdigen Farben gehaltenen „Lesekorridor“ mit gedimmter Beleuchtung, in dessen Mitte sich Sitzgruppen befinden, während an den Seiten große, mit Büchern gefüllte Regale aufragen.

Amphitheater und Kinderrummel

Vom „Lesekorridor“ aus gelangt man zu den weiteren Räumlichkeiten. Die beeindruckendste besteht aus einer Art Amphitheater mit riesiger ovaler Bücherwand, welche die Lesenden fast wie ein Kokon aus Worten einspinnt. Bei den Kinderbüchern wird es wiederum verspielt. Hier nehmen die Regale die Form von Attraktionen eines Jahrmarkts an, der Geschichten voller spannender Achterbahnfahrten verheißt.

Die Macht der Dopplung

Zugegeben, all das klingt ja schön und gut, aber noch nicht sonderlich „zauberhaft“. Was ist also das wirklich Besondere an diesem Buchladen? Kurzum: Es ist ein Spiel mit der Wahrnehmung. Den kompletten Laden gibt es quasi doppelt. Er bedient sich nämlich eines der ältesten Mittel zur Verwirrung der Sinne: der Reflexion. Die Decke ist ein einziger Spiegel, der jeden Raum zur doppelten Höhe anwachsen lässt und ihn auf den Kopf stellt. Manche Formen, wie etwa das Riesenrad in der Kinderbuchabteilung, werden durch den Spiegel gar erst vervollständigt. Dieses einfache „magische“ Mittel verleiht dem Laden eine besondere Tiefe und eine substanzlose, außerweltliche Qualität, die hervorragend zum Bücher-Milieu passt.

 

Projektdetails
Architekt: XL-Muse  
Status: Fertiggestellt 2016
Zahlen:

Fläche: 1.000 m²

Ort: Hangzhou
Land: China