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Wohnen | 63.02°

Ein anderer Blickwinkel

Jo Nagasaka + Schemata Architects lösen ein Platz-, Licht- und Sichtproblem mithilfe eines anderen „Blickwinkels“.

by Jan Zimmermann

Man hat es ja wirklich nicht leicht als Architekt in Tokio, wo jeder freie Quadratmeter als Baulücke interpretiert wird und man mit fast schon an Magie grenzenden Methoden ein funktionierendes Haus in diese zwängen soll. Wenn der Platz derart knapp ist, muss erst einmal ein ausgeklügeltes Raumprogramm her. Licht und Ausblicke müssen dabei natürlich auch berücksichtigt werden. Richtig fies wird es allerdings, wenn obendrein auch noch die Straße vorm Haus super-eng ist. Jo Nagasaka + Schemata Architects wussten sich in einer solch diffizilen Situation mit einer besonderen Maßnahme zu helfen, die am Ende auch noch namensgebend für das betroffene Einfamilienhaus wurde.

Mit Neigung zur Straße

Das Grundstück ist keine 50 m², die Grundfläche des Hauses keine 25 m² groß. Die eine Wand ist komplett geschlossen, die andere auch, die dritte auch, die vierte auch, die fünfte… auch. Doch in aller dunklen Verschlossenheit gibt es auch Licht! Eine der sechs Außenwände ist nämlich, abgesehen von einem kleinen Einschnitt für den Eingang, komplett offen und obendrein „verdreht“. Diese offene, verglaste Wand holt einen maximalen Ausblick aus der Lage des Hauses heraus, indem sie in einem Winkel von 63,02 Grad zur Straße geneigt ist. Dadurch blickt man, statt einfach hinüber auf die andere Straßenseite, über einen offenen Platz vor dem Nachbargrundstück, die Straße hinunter. Das Haus selbst heißt aufgrund der Signifikanz dieser Intervention seither wie der Winkel: 63.02°.

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Klein-Klein und Grau-Grau

Das Häuschen bietet eine Gesamtfläche von 71,4 m², verteilt auf drei Geschosse. Diese sind unterteilt in ein separates Apartment, einen Salon und ein Büro. In diesen räumlichen Minimalismus fügt sich materieller Purismus: Decken und Wände sind ausnahmslos aus Sichtbeton. Möbel und Böden gleichen sich diesem immerhin farblich an. Freunde des Grauen kommen hier also voll auf ihre Kosten.

Fazit

63.02° ist einmal mehr ein Tokioter Haus, das sich bei aller Enge zu helfen weiß und das Maximum aus seiner dramatischen Situation herausholt. Das Interieur ist etwas für Leute, die dem Charme von Sichtbeton einfach nicht widerstehen können. Ansonsten gibt es noch ein schönes Stück Natur, das das Herz erfreut: der 63,03°-Blickwinkel ermöglicht auch den Anblick eines prächtigen Kirschbaums auf dem Nachbargrundstück.

Projektdetails
Architekt: Jo Nagasaka + Schemata Architects  
Status: Fertigstellung: Dezember 2007
Zahlen:

Grundstücksfläche: 48,84 m²
Grundfläche: 24,58 m²
Bruttogrundfläche: 71,4 m²

Ort: Tokio
Land: Japan